Geschichtsverständnis [1]

Algis Valiunas [ref]Algis Valiunas ist Fellow am Ethics and Public Policy Center in Washington[/ref] ist Autor des Merkur, der »Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken«. Im August-Heft des Jahrgangs 2010 schreibt er unter dem Titel »Wofür soll man kämpfen? Winston Churchill versus Bloomsbury« zum Thema: »Wer sind die überragenden Männer und Frauen der modernen Zivilisation, die Vorbilder, die unserer Hochachtung würdig sind und des Wunsches, ihnen nachzustreben?«

Churchill steht für ihn für »Patriotismus, Schaffung eines Weltreichs als einer moralischen Pflicht und Bewährungsprobe, Primat des öffentlichen vor dem privaten Leben, Krieg als unabänderlicher Bestandteil menschlichen Daseins«. Der Bloomsbury-Kreis, mit den namentlich genannten J. M. Keynes, Virginia Woolf, Leonhard Woolf, E. M. Forster, Lytton Strachey, Roger Fry, Clive Bell und Vanessa Bell, steht für Algis Valiunas für »friedfertiges Weltbürgertum und die unvergleichliche Süße des gut gelebten privaten Lebens, die in Kunst und Liebe, Komfort und leidenschaftlicher Hingabe zu findende irdische Erlösung«.
Die Werte der Bloomsburys werden als Schwächung unserer Zivilisation bezeichnet, die Werte Churchills als Mittel, unsere Zivilisation zu retten.

Das britische Empire musste laut Valiunas seinen imperialen Besitz aufgeben; das war seiner Ansicht nach unvermeidlich. Was er daraus ableitet [ref]Merkur, Heft 8, 64. Jahrgang, August 2010, Seite 691[/ref], ist abstrus:

Aber es bleibt doch zu fragen, ob es diesen früheren Kolonien als freien, unabhängigen Nationen besser ergeht. Unaufhörliche Plünderung, Elend und Aufstände in der postkolonialen Welt scheinen die Notwendigkeit einer zivilisatorischen Mission zu bestätigen, wie Churchill sie sah. Andererseits scheint diese Mission weithgehend gescheitert zu sein: Das Empire jedenfalls konnte in der ihm gewährten Frist nicht über die Natur des Menschen den Sieg erringen.

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen! Wer sich mit der Geschichte der Kolonien beschäftigt, kann ob dieser Ansichten nur bitter lachen. Der letzte Satz des Zitats könnte auch so lauten, dass der dumme Wilde sehr lange braucht, um etwas zu kapieren.

Das Fazit [ref]a.a.O., Seite 695[/ref], das Valiunas zieht, baut ein Drohszenario auf, das nicht begründet wird:

Heute ist der Kontrast zwischen Churchill und Bloomsbury wiederum von entscheidender Bedeutung, da unsere geschwächte Zivilisation – geschwächt nicht zuletzt durch unsere Adaption der Werte von Bloomsbury – einem unversöhnlichen und unzivilisierten Feind gegenübersteht. Ob unsere Zivilisation sich behaupten wird, hängt in hohem Maße davon ab, von wessen Begriff von Zivilisation wir uns leiten lassen wollen.

Wer der »unversöhnliche und unzivilisierte Feind« ist, lässt er offen. Zu retten ist unsere Zivilisation also nur, wenn wir den Idealen Churchills folgen – rüsten wir also auf und ziehen in den Krieg gegen unzivilisierte Völker und erfüllen wir eine Mission.
Muss die Wahl lauten: Churchill vs Bloomsbury?

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