sagt der Protagonist Carlos im gleichnamigen Buch von Martín Caparrós [ref]Martín Caparrós, Wir haben uns geirrt, BERLIN VERLAG, 2010, ISBN 978-3-8270-0839-8; (Das dieses Buch jetzt in Deutsch erschienen ist, ist wohl dadurch begründet, dass Argentinien auf der letzten Frankfurter Buchmesse Gastland war.)[/ref]. Und dieses Buch hat es in sich, unbedingt lesenswert!
Carlos ist Angehöriger der Generation, die in den 70iger Jahren die argentinische Gesellschaft zum Besseren ändern wollte und die vom Militär gnadenlos mit brutalsten Mitteln bekämpft wurde. Noch heute leidet die argentinische Gesellschaft unter den Nachwirkungen dieses nicht aufgearbeiteten Kapitels ihrer Geschichte.
Carlos hat überlebt, viele andere wurden gefoltert, getötet, verschwanden spurlos – auch seine schwangere Frau Estela. In einem schmerzhaften Prozess grübelt er mehr als 30 Jahre danach über Ideen, Ideale, Taten und Ergebnis nach. Er hat resigniert, stellt die Frage nach dem Sinn des damaligen Engagements für eine bessere Gesellschaftsordnung:
Wir haben alles gegeben, um Millionen von Menschen zu retten, die nicht das geringste Interesse hatten, von uns gerettet zu werden.[ref]a.a.O., S. 146[/ref]
und
Wenn das Volk anders leben will, soll es sich selbst darum kümmern. Es hat keinen Sinn, ihm das abnehmen zu wolllen.[ref]a.a.O., S. 147[/ref]
Diese Erkenntnis, diese Zweifel, sind nicht neu, dürften wohl Vielen, die angetreten waren, um etwas zu verändern, aber mehr oder weniger gescheitert sind, das Leben schwer machen.
Bedeutet dies aber, künftig als Minderheit (denn das sind die »Gesellschaftsänderer« immer) darauf zu verzichten, etwas ändern zu wollen? Wäre das der richtige Weg – was wäre dann in den Gesellschaften in der Vergangenheit verändert worden? Wann ist das Volk denn einmal als »gesamtes Volk« (oder wenigstens in Mehrheit) aufgestanden, um etwas zu ändern?
Schaue ich in unsere Gesellschaft der Gegenwart, schaue ich auf Stuttgart 21, auf die Demonstrationen gegen Atomkraft, den Protest gegen die Castortransporte, dann könnte auch hier gelten: »Wenn das Volk das nicht will, soll es sich selbst darum kümmern. Es hat keinen Sinn, ihm das abnehmen zu wolllen.«!
Von ca. 80 Mio. Deutschen sind vielleicht 60 oder 55 Mio. »demonstrationsfähig« – davon nehmen 25.000 oder 50.000 an den Demonstrationen teil – eine zu vernachlässigende Größe? (In Stuttgart ist das Verhältnis zwischen Einwohner und Demonstranten besser, aber die Demonstranten sind auch hier eine Minderheit.)
0,0.. Prozent unternehmen etwas, 99,… Prozent schauen zu oder nehmen es nicht einmal war – machen aber damit auch Politik? Artikulieren die 0,0… Prozent lediglich ihre Meinung oder wird diese Meinung auch von einem Großteil der 99,… Prozent geteilt? Will das »Volk« Stuttgart 21 oder die Atomkraft, die Castortransporte, das Endlager in Gorleben? Herrscht hier das Sankt-Florian-Prinzip oder ist es pures Desinteresse, Gleichgültigkeit?
Sicher ist dies eine andere Kategorie, als das, was Martín Caparrós in seinem Buch behandelt, aber die grundsätzliche Frage stellt sich sich auch hier: »Soll eine Minderheit, die mit etwas Unzufrieden ist, die etwas verändern will, etwas verhindern will, dies tun?« – oder gilt hier auch der Satz:
»Wenn das Volk anders leben will, wenn es etwas anders haben will, soll es sich selbst darum kümmern. Es hat keinen Sinn, ihm das abnehmen zu wollen.«
Aber diese Minderheit ist auch »Volk«, zumindest ein Teil des Volkes. Und sie muss etwas unternehmen – nicht umsonst sieht unser Bürgerliches Gesetzbuch auch eine Schuld darin, wenn jemand etwas unterlässt. Und vor dieser Schuld sollten die 99,… Prozent bewahrt werden.