Die Sowjets waren so kommunistisch wie ich buddhistisch bin

Die Weltwirtschaft kommt nicht aus der Krise, von Ägypten bis Chile gehen Menschen auf die Strasse – während die Schweiz auf die kommenden Wahlen starrt.
Wie sieht der 77-jährige Soziologe und Uno-Beauftragte Jean Ziegler die Lage? Ein Gespräch mit Jean Ziegler in der WOZ über Finanzoligarchen, Klassenkampf und Revolutionen.

Ein kurzer Auszug:

Das System, das sich nach der Implosion der Sowjetunion durchgesetzt hat, steckt in einer schweren Krise: Die Staaten sind verschuldet, die Finanzmärkte ausser Rand und Band.

Ach was. Das ist nur eine Krise für die Arbeitenden. Sie bezahlen die Zeche – in Griechenland, in Spanien, in Portugal. Ihnen werden Sozialleistungen gestrichen, neue Steuern auferlegt, während sich in privaten Händen unglaubliche Kapitalreserven häufen. Die Plünderung der Banken durch hohe Bonizahlungen hat sich seit der Finanzkrise sogar gesteigert. Credit-Suisse-CEO Brady Dougan sackte letztes Jahr 70 Millionen Franken ein. Die Oligarchie kann den Staaten befehlen, noch mehr Schulden zu machen, die arbeitende Bevölkerung bezahlt sie. Die Bankhalunken müssen endlich bezahlen, nicht die breite Bevölkerung. Grossbanken gehören verstaatlicht.

In der arabischen Welt haben sich die Menschen erhoben, in Israel gehen die Menschen auf die Strasse, in Griechenland, in Spanien und Frankreich protestiert die Jugend, in Grossbritannien brennen die Städte.

Es gibt in Europa kein Klassenbewusstsein mehr, es gibt objektiv keine Arbeiterklasse mehr, es gibt kein Bewusstsein ihrer Ausbeutung, es gibt keine revolutionäre Organisation mehr, nur noch Sekten. Doch es entsteht etwas radikal Neues. Wir befinden uns an der Schwelle zu einem Aufstand des Gewissens. Was heute wirkt, ist der kategorische Imperativ. Immanuel Kant sagte, die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir. Ich war 2007 in Heiligendamm am G8-Gipfel. Die Staatschefs hatten sich hinter Stacheldraht versteckt. Draussen protestierten Lehrer, Pfarrer, Lehrlinge und so weiter. Ihr Motor war kein Zentralkomitee, keine kohärente Ideologie, kein Parteiprogramm. Der einzige Motor war der kategorische Imperativ: Wir wollen die kannibalistische Weltordnung nicht mehr. Ich war lange im Komitee des Weltsozialforums. In Belem waren wir 220 000 Menschen, die 8000 Organisationen vertraten. Alle kämpfen an verschiedenen Bruchstellen des Kapitalismus. Es gab kein Programm, es gab nicht mal eine Schlusserklärung. Hier entsteht ein neues historisches Subjekt. Daher bin ich hoffnungsvoll. Marx schreibt: Der Revolutionär muss imstande sein, das Gras wachsen zu hören. Das Gras wächst.

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