In seinem Buch »Faule Kredite« lässt Petros Markaris eine der handelnden Personen (Führungskraft einer Ratingagentur) über »Gesellschaft« räsonieren.
Es gibt keine Gesellschaften, Herr Galanopoulos, es gibt nur einzelne Gruppierungen: Unternehmer, die ihre Interessen verteidigen, und Arbeitnehmer, die – vertreten durch Gewerkschaften und andere Organisationen – genau das Gleiche tun. Es gibt nur Interessengruppen, der Begriff Gesellschaft ist eine Erfindung.
Natürlich gibt es Interessengruppen, weit mehr, als Unternehmer und Arbeitnehmer, aber das spricht nicht dagegen, dass es »Gesellschaft« gibt und das diese mehr ist, als »diejenigen Akteure (Bürger, früher auch Untertanen genannt), die nicht dem Staat (Obrigkeit) zuzurechnen sind«.
Die prägnanteste Bedeutung von »Gesellschaft« beschreibt Thomas Paine schon 1776:
Eine Gesellschaft entsteht aus unseren Bedürfnissen, eine Regierung wegen unserer Schlechtigkeit. Die erstere fördert unser Glück auf positive Weise, indem sie unsere Gefühle vereint, die letztere auf negative Weise, indem sie unsere Verderbtheit zügelt; die eine fördert die menschlichen Beziehungen, die andere schafft Unterschiede. Erstere tut Gutes, letztere bestraft. Gesellschaft ist in jedem Zustand ein Segen, Regierung dagegen im besten Fall nur ein notwendiges, im schlechtesten Fall aber ein unerträgliches Übel.
(Thomas Paine, Common Sense, 1776)
In Peter Sloterdijks Buch »Streß und Freiheit« finden sich ähnliche »Gesellschafts«kritische Passagen, wie sie in Markaris Buch zu finden sind. Es ist vom »Fabeltier ‘Gesellschaft’« die Rede; davon, dass die »politischen Großkörper, die wir Gesellschaften nennen, in erster Linie als streß-integrierte Kraftfelder zu begreifen« sind. Gesellschaftstheorie sei nur noch »als soziale Physik vernetzter Agenturen« zu betreiben. »Gesellschaften« werden reduziert auf »streß-integrierte Kraftfelder«, auf » selbst-stressierende, permanent nach vorne stürzende Sorgen-Systeme«, die nur Bestand haben, »wie es ihnen gelingt, durch den Wechsel der Tages- und Jahresthemen hindurch ihren spezifischen Unruhe-Tonus zu erhalten.«
Sehr pointiert formuliert, aber diese ‘Streß-Theorie’ passt nicht auf die Gesellschaft, sondern auf die Interessengruppen, in die man die Gesellschaft gerne aufteilen will. Diese Interessengruppen, diese »vernetzten Agenturen« gehören zur Gesellschaft, machen aber Gesellschaft nicht aus.